Berlin, 6. Juli 2026 | Kurz vor der GKV-Entscheidung fordern 134.000 Bürger und 60.000 Ärztinnen und Ärzte Merz und Warken zum Kurswechsel bei Homöopathie und Anthroposophischer Medizin auf. Vier ärztliche Fachgesellschaften kritisieren zudem die fehlende Anhörung und warnen vor Folgen für Kinder und Jugendliche.

Wenige Tage vor der abschließenden Beratung der GKV-Reform wächst der Druck auf die Bundesregierung. Mehr als 134.000 Bürgerinnen und Bürger haben sich seit Mai im Rahmen einer Unterschriftenaktion der Bürgerkampagne ‚weil‘s hilft!‘ für den Erhalt der Homöopathie und Anthroposophischen Medizin in der gesetzlichen Krankenversicherung ausgesprochen. Zusätzlich haben innerhalb von zwei Wochen mehr als 13.000 Menschen einen Offenen Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz, Bundesgesundheitsministerin Nina Warken und die Abgeordneten des Deutschen Bundestages unterzeichnet. Den offenen Brief unterstützen die früheren Ministerpräsidenten Malu Dreyer und Winfried Kretschmann, der frühere Bundesinnenminister Otto Schily sowie weitere Persönlichkeiten aus Medizin, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft – darunter 25 Professorinnen und Professoren unterschiedlicher Fachrichtungen.

Unterstützt wird der Appell von vier medizinischen Fachgesellschaften (GAÄD, Hufeland-Gesellschaft, DZVhÄ, ZAEN), die rund 60.000 integrativ tätige Ärztinnen und Ärzte vertreten. Sie fordern die Bundesregierung auf, die vorgesehene Streichung der Homöopathie und Anthroposophischen Medizin aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung zurückzunehmen. Sollte die vollständige Rücknahme der geplanten Streichung im laufenden Gesetzgebungsverfahren nicht mehr möglich sein, fordern die Fachgesellschaften mindestens den Erhalt der Erstattungsfähigkeit für Kinder und Jugendliche. „Kinder dürfen nicht die Verlierer dieser Reform werden“, heißt es in dem Appell,

„Die Bundesregierung entscheidet, ohne die betroffenen Fachgesellschaften angehört zu haben.“

Die Initiatoren üben deutliche Kritik am Gesetzgebungsverfahren. Obwohl die geplante Änderung erhebliche Auswirkungen auf die Versorgung von Millionen gesetzlich Versicherter habe, seien die betroffenen Fachgesellschaften weder angehört noch ihre fachlichen Stellungnahmen in den Entscheidungsprozess einbezogen worden.

Auch die Grundlage der Entscheidung – der Bericht der Finanzkommission Gesundheit – werde den Anforderungen an eine evidenzbasierte Entscheidungsfindung in Bezug auf die Integrative Medizin nicht gerecht. Das Kapitel zur Homöopathie stütze sich im Wesentlichen auf eine einzige wissenschaftliche Quelle, deren Inhalt nach Auffassung der Fachgesellschaften veraltet und zudem in wesentlichen Aspekten unzutreffend wiedergegeben worden sei. Die Anthroposophische Medizin sei nicht Gegenstand der Empfehlungen der Finanzkommission gewesen und erst im Gesetzgebungsverfahren Teil des Gesetzentwurfs und der Streichung geworden.

„Wer in die Versorgung von Millionen gesetzlich Versicherten eingreift, muss alle relevanten wissenschaftlichen Positionen anhören. Genau das ist bislang nicht geschehen“, erklären die Initiatoren.

Kinder und Jugendliche besonders betroffen

Besondere Sorge bereitet den Initiatoren die Versorgung von Kindern und Jugendlichen. Gerade in der Pädiatrie stünden häufig nur wenige zugelassene Arzneimittel zur Verfügung. Homöopathische und anthroposophische Arzneimittel seien für viele Familien Bestandteil einer integrativen Behandlung und würden von entsprechend qualifizierten Ärztinnen und Ärzten verantwortungsvoll eingesetzt.

Zudem verweisen die Fachgesellschaften auf Ergebnisse der Versorgungsforschung. Diese zeigen, dass in integrativen Versorgungskonzepten mit Homöopathie und Anthroposophischer Medizin mehr als viermal weniger Antibiotika verordnet und eingenommen werden.[i] Vor dem Hintergrund zunehmender Antibiotikaresistenzen sei dies ein gesundheitspolitisch relevantes Ergebnis, das im Gesetzgebungsverfahren bislang nicht angemessen berücksichtigt worden sei.

Letzte Chance vor der Entscheidung

Nach Auffassung der Unterzeichner bieten die abschließenden Beratungen in dieser Woche die letzte Möglichkeit, die geplante Streichung noch zu korrigieren. Sie appellieren an Bundeskanzler Friedrich Merz, Bundesgesundheitsministerin Nina Warken, die Gesundheitsministerinnen und Gesundheitsminister der Länder sowie die Abgeordneten des Deutschen Bundestages, den Dialog mit den betroffenen Fachgesellschaften noch vor Abschluss des Gesetzgebungsverfahrens aufzunehmen und die bereits vorgelegten Änderungsanträge zu berücksichtigen.

Sollte das Gesetz unverändert verabschiedet werden, kündigen die Initiatoren an, weitere Schritte zu prüfen. Sie verweisen dabei auf die Schweiz, wo sich die Bevölkerung in einem Volksentscheid für die Komplementärmedizin aussprach und Homöopathie sowie Anthroposophische Medizin nach einem mehrjährigen staatlichen Evaluationsverfahren dauerhaft in die obligatorische Krankenversicherung aufgenommen wurden.

„Wir kämpfen nicht für ein Privileg. Wir setzen uns dafür ein, dass Kinder und Jugendliche auch künftig Zugang zu bewährten integrativen Therapien haben. Und wir kämpfen dafür, dass gesundheitspolitische Entscheidungen auf wissenschaftlicher Sorgfalt, fairen Verfahren und dem Wohl der Patientinnen und Patienten beruhen.“

Der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily stellt klar:

„In einem freiheitlichen Rechtsstaat darf der Gesetzgeber eine bestimmte Therapierichtung, zumal diese erwiesenermaßen sowohl unter medizinischen als auch ökonomischen Gründen sehr positiv zu beurteilen ist, nicht mit einem Erstattungsverbot belegen.“

Dr. Karsten Schwarz, CEO von DPD Deutschland:

„Mit anthroposophischen und homöopathischen Behandlungsmethoden habe ich jahrzehntelang überaus positive Erfahrungen gemacht. Ich wünsche mir, dass diese auch zukünftig noch im GKV-System vor allem für Kinder und Jugendliche zur Verfügung stehen.“

Prof. David Martin, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Leitlinienbeauftragter für Fiebermanagement:

„Ich bin für den Erhalt der Erstattung für Kinder und Jugendliche, weil ich als Leitlinienbeauftragter für Fiebermanagement weiß, wie viele unnötige Antibiotika mit Homöopathie und Anthroposophischer Medizin eingespart werden.“

Hans-Jochen Wagner,Tatort Kommissar:

“Homöopathie wirkt und hilft, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Jede Krankenkasse sollte das Recht behalten, die Homöopathische Medizin zu unterstützen und Patient*innen, die eine wirkungsvolle Behandlung durch homöopathische Medikamente bevorzugen, einen Zuschuss zu gewähren“

Quellen [i]

  • Hamre HJ et al. Antibiotic Use in Children with Acute Respiratory or Ear Infections: Prospective Observational Comparison of Anthroposophic and Conventional Treatment under Routine Primary Care Conditions. Evid Based Complement Alternat Med. 2014:243801. doi: 10.1155/2014/243801 https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4251819/ 
  • Jeschke E et al. Anthroposophic medicine in pediatric primary care. Alternative Therapies in Health and Medicine 2011; 17(2):18–28 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21717821/
  • van der Werf ET et al. Do NHS GP surgeries employing GPs additionally trained in integrative or complementary medicine have lower antibiotic prescribing rates? BMJ Open 2018; 8(3):e020488. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29555793/
  • Hamre et al. Anthroposophic vs.Conventional Therapy of Acute Respiratory and Ear Infections. Wiener Klinische Wochenschrift 2005, 117(7-8): 256-268, https://dx.doi.org/10.1007/s00508-005-0344-9