Berlin, 12. Januar 2026. DZVhÄ-Interview mit Dr. Stephan Pilsinger (CSU), Bundestagsabgeordneter, Mitglied im Gesundheitsausschuss und Arzt. Dr. Pilsinger spricht sich im Interview klar für den Erhalt der Homöopathie im GKV-System aus.
❔ Herr Dr. Pilsinger, Sie sind Gesundheitspolitiker und Arzt: Welche Kriterien sind für Sie besonders wichtig, damit unser Gesundheitssystem bezahlbar bleibt und gleichzeitig dafür Sorge getragen wird, dass Menschen selbstbestimmte „Aktivisten“ ihrer eigenen Gesundheit bleiben können?
❕ Wir geben im Vergleich zu anderen Industrienationen sehr viel Geld für die Gesundheit pro Kopf aus. Aber die Ergebnisqualität ist – gerade mit Bezug auf Krankheitslast und Lebenserwartung – nicht gut. Um das zu ändern, müssen wir auf der einen Seite in unserem weit verzweigten Gesundheitssystem die Effizienzen steigern, z.B. durch das geplante Primärarztmodell. Zum anderen müssen wir viel stärker die Prävention mitdenken. Unser System muss viel mehr daran arbeiten, dass die Menschen erst gar nicht krank und behandlungsbedürftig werden, statt dass auch vermeidbare Erkrankungen mit viel Aufwand und Geld auskuriert werden müssen.
❔ Die SPD hat unter Karl Lauterbach 2024 für eine Elimination der Homöopathie als Kassenleistung argumentiert. Nun sind es aktuell die GRÜNEN, die mit nahezu identischen Argumenten dasselbe fordern. Wie positionieren sich an diesem Punkt Vertreterinnen und Vertreter von CDU und CSU?
❕ Die Grünen argumentieren im Kern damit, dass Homöopathie nicht mehr als freiwillige Kassenleistung übernommen werden darf, weil aus ihrer Sicht derzeit kein wissenschaftlicher Nutzen für diese Methode nachgewiesen werden könne. Dabei wird in dieser Debatte mit zweierlei Maß gemessen: Wenn es den Grünen wirklich nur um wissenschaftliche Nachweise ginge, müssten auch andere schulmedizinische Behandlungen, wie z.B. diverse Rückenoperationen, deren Wirksamkeit hochumstritten ist, auf den Prüfstand gestellt werden. Außerdem handelt es sich bei der Erstattung von Homöopathie um eine freiwillige Satzungsleistung einiger Krankenkassen. Ich finde, jede Krankenkasse sollte selbständig entscheiden können, welche Leistung sie als Satzungsleistung anbieten will. Ein gewisser Wettbewerb um die besten Konzepte tut auch den gesetzlichen Krankenkassen gut.
❔ Wie erleben Sie persönlich die kontroverse öffentliche Diskussion rund um die Homöopathie? Wird sie Ihrer Meinung nach ausreichend sachlich und faktenorientiert geführt? Und was bedeutet es für Sie als Politiker, wenn innerhalb kürzester Zeit 200.000 Menschen eine Bundestags-Petition („Weil’s hilft“) unterzeichnen und damit zum Ausdruck bringen, dass sie Homöopathie als kassenfinanzierte Behandlungsoption auch in Zukunft in Anspruch nehmen möchten?
❕ Diese Diskussion wird von einigen Seiten schon sehr subjektiv und auf Basis von Vorurteilen geführt – nach dem Motto „Diese Spinner mit ihren Zuckerkügelchen!“. Das ist nicht fair und wird dem wissenschaftlichen Ernst der Homöopathie auch nicht gerecht. Als Gesundheitspolitiker führe ich regelmäßig Gespräche mit Vertretern der evidenzbasierten Homöopathie und weiß daher, dass die Mehrheit der homöopathisch agierenden Ärzte seriös ist. Klar gibt es in der Szene auch schwarze Schafe, die durch entsprechende Medienberichte leider die ganze Branche in ein schlechtes Licht rücken. Das ist schade und sollte umso mehr motivieren, diese schwarzen Schafe auszusortieren – im Übrigen insbesondere aus der Verbandsszene der Homöopathie selbst heraus.
❔ Würden Sie den Vorwurf vieler Menschen im Lande teilen, dass es sich bei den Anträgen von SPD und aktuell von den GRÜNEN um eine de facto Einschränkung des Selbstbestimmungsrechtes der Menschen „durch die Hintertüre“ handelt, also um eine Art Bevormundung?
❕ Wenn Homöopathie sozusagen „von Staats wegen“ als Kassenleistung verboten würde, wogegen ich mich klar ausspreche, wäre das schon eine Einschränkung der Wahlfreiheit der Patienten und ein Verlust medizinischer Methodik. Wie gesagt: Wenn Homöopathie auf evidenzbasierten Erkenntnissen beruht und wirkt, dann sollte das auch von der Politik anerkannt werden und eine Erstattung durch die Kassen zumindest optional möglich bleiben.
❔ Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung heißt es unter Anderem „Wir unterstützen Forschung und Versorgung zur Naturheilkunde und Integrativen Medizin zur Präventionsförderung.“ Prävention ist ohne Zweifel ein Hebel zur Kostendämpfung und damit enorm wichtig. Können Sie nachvollziehen, dass Homöopathie-affine Menschen einen besonders differenzierten Bezug zu Selbstwirksamkeit als Mittel zur Prävention haben? Und wie könnte Ihrer Meinung nach Homöopathie in die Forschung zur Prävention einbezogen werden?
❕ Dass Homöopathie-affine Menschen besonderen Wert auf Prävention bei sich selbst legen und sich das auch was kosten lassen, beobachte ich auch. Ist ja auch gut so! Die Frage einer intensiveren Einbindung von Homöopathie in die Forschung zur Prävention sollten wir bei dem geplanten Präventionsgesetz mitdenken, das wir in dieser Wahlperiode auch noch angehen wollen. Da sind wir als Politiker auf Ihre Expertise angewiesen.
❔ Ein Aspekt einer grundlegenden Reform des Gesundheitssystems könnte die vollständige Integration besonderer Therapierichtungen in die GKV als Modell-Projekt sein. Über fünf Jahre Daten sammeln und dann entscheiden, ob dies eine gute Option ist. In der Schweiz wurde dies gemacht – mit einem positiven Ausgang für Homöopathie und weitere Methoden. Ist so ein Vorgehen für Sie vorstellbar?
❕ Wissenschaftlich aufbereitete Daten im Bereich der Homöopathie z.B. über fünf Jahre sammeln und entsprechend aufbereiten, hört sich für mich gut an. Das nennt sich dann Evaluation. Wenn die Evaluation positive Ergebnisse bringt, sollten wir diese oder jene Methode implementieren.
Sehr geehrter Herr Dr. Pilsinger, wir bedanken uns sehr für Ihre Zeit und Bereitschaft, unsere Fragen zu beantworten.
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- Informationen zu Dr. Pilsinger: stephan-pilsinger.de
- Gesundheitspolitische Information des DZVhÄ: DOWNLOAD: „Rezepte für ein angeschlagenes Gesundheitssystem“ (Stand Juni 2025)
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