Kommentar: Lauterbach, Twitter, Homöopathie und die Wissenschaft

Ein Kommentar von Dr. med. Ulf Riker, 2. Vorsitzender des DZVhÄ

Im März dieses Jahres twitterte unser Gesundheitsminister: „Wir brauchen mehr Wissenschaft … und nicht weniger“. Recht hat er, der Lauterbach, ganz ohne Zweifel: unsere moderne und in bestimmten Bereichen hocheffektive Medizin wäre ohne die Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft  und ihrer Hilfstruppen aus Pharmazie oder Medizintechnik gar nicht denkbar. Ein Schelm, der annimmt, dass homöopathische ÄrztInnen daran zweifeln würden!

Woran man aber zweifeln darf ist die Plausibilität eines Denkmodells, in dem Wissenschaft als reine Natur-Wissenschaft absolut gesetzt wird. Seit langer Zeit und bis zum heutigen Tag postuliert diese Wissenschaft den Alleinvertretungsanspruch für Erkenntnisgewinn, ist dabei aber nicht wirklich bereit einzuräumen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nicht mehr sind als Wahrscheinlichkeiten, die aus Beobachtungen abgeleitet sind.

Mag sein, dass Herr Lauterbach sogar dem Biologen Jakob von Uexküll zustimmen würde, von dem der Satz stammt: „Die Wissenschaft von heute ist der Irrtum von morgen“. Wir halten uns aber ganz offenkundig lieber am Heute fest als an morgen zu denken. Ein Beispiel: vor 50 Jahren hat der Club of Rome vor den Grenzen des Wachstums gewarnt, das damalige Handeln von Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft war ohne Zweifel wissenschaftsbasiert, die Warnung vor den Folgen freilich war es auch! Gewonnen hat das weiter so, vor den Konsequenzen in Form mehrerer paralleler Krisen stehen wir heute. Wie viele PolitikerInnen oder WissenschaftlerInnen kennen Sie, die heute öffentlich einräumen: ja, wir haben uns verrannt, wir hätten damals anders handeln müssen, es tut uns leid, wir haben uns getäuscht…? (Ach so, da hat doch eben unser Bundespräsident bekannt, dass er sich in der Russlandpolitik mitsamt vielen anderen hochrangigen Politikern getäuscht hat. Das hat immerhin ein gewisse Größe, auch wenn der entstandene Schaden noch größer ist…).

Und heute? Wir finden Mikroplastik in unserem Blutkreislauf, wir messen sinkende Grundwasserstände, wir investieren Milliarden in Renaturierung ganzer Landschaften, das Umweltbundesamt warnt vor zukünftig immer mehr Arzneimitttelrückständen in den Gewässern, große Geldsummen müssen als Folge anfälliger Monokulturen in Wald-Umbauprogramme investiert werden. Und so weiter. Alles von Wissenschaftlern aller möglichen Fachrichtungen mit- und vorausgedacht, nach „derzeitigem Wissensstand“ jederzeit gesichert.

Nachhaltiges Denken und Handeln sieht anders aus! „Irrtümer entstehen durch geschlossene Denk-Kollektive“, so fasste es der Biologe, Immunologe und Erkenntnistheoretiker Ludwig Fleck schon vor einem halben Jahrhundert zusammen und wies auf die Beharrungstendenz etablierter Denkstile hin. Max Planck trieb diesen Gedanken auf die Spitze und gab zu bedenken, dass sich neue Ideen erst dann durchsetzen können, wenn die Vertreter der alten ausgestorben seien.

Können wir in Zeiten sich gegenseitig verstärkender Krisen auf das Aussterben von Denkmodellen mit empirisch fragwürdigem Gehalt warten? Reichen lineare und teilweise monokausale wissenschaftliche Denkfiguren aus?  Oder braucht nicht doch unser Portfolio der Erkenntnismöglichkeiten Ergänzung, z.B. durch emotionale Intelligenz, Erfahrung oder Intuition? „Der Gegenstand ärztlicher Erkenntnis selbst unterscheidet sich im Grundsatz vom Gegenstand naturwissenschaftlicher Erkenntnis. Während der Naturwissenschaftler typische, normale Phänomene sucht, studiert der Arzt gerade die nichttypischen, nicht normalen, krankhaften Phänomene.“ Vielleicht eine Brücke zwischen naturwissenschaftlich orientierter Medizin und Homöopathie mit dem Zugewinn von Ressourcenschonung, Nachhaltigkeit und breiter Akzeptanz unter Menschen, die Gegenwart und Zukunft in ihrer ganzen Komplexität und Vielfalt berücksichtigt wissen möchten. Wie wäre es, lieber Herr Gesundheitsminister, wenn wir alle gemeinsam etwas breiter denken würden, wie viel von welcher Wissenschaft wir eigentlich brauchen und wie wir mit ihrer Hilfe, aber auch mit ergänzenden tools den „One Health“-Gedanken in gegenseitigem Respekt umsetzen und Zukunft sichern können?