Zur Person:

– Frau Dr. Doreen Jänichen ist Fachärztin für Allgemeinmedizin
– Zusatzbezeichnungen Homöopathie und Naturheilverfahren
– Ärztliche Leitung des Bereiches Integrative Onkologie, Allgemeinmedizin und Naturheilkunde im MVZ Bad Berka

Die Behandlung und Begleitung onkologischer Patienten ist eine besondere Herausforderung in der Medizin. Oft stehen die Ängste, Sorgen und Wünsche der betroffenen Patienten einer von Zeit- und Personalmangel betroffenen Ärzteschaft entgegen. Die Integrative Onkologie nutzt komplementärmedizinische Behandlungsmethoden und hat einen Blick für den ganzen Menschen mit all seinen Bedürfnissen.

Die deutschlandweit erste Ambulanz für Naturheilkunde in der Onkologie wurde im März 2003 an der Universitätsklinik Jena gegründet, damals unter der Förderung der Carstens-Stiftung. Der Aufbau und die Leitung dieser Ambulanz und zuletzt die Implementierung der Integrativen Medizin/Onkologie im Zentralklinikum Bad Berka hat neben der Arbeit im ambulant homöopathischen Bereich in den letzten Jahren mein berufliches Leben geprägt.
Mittlerweile gibt es komplementärmedizinische Abteilungen in vielen onkologischen Kliniken und Abteilungen. Studien zufolge nutzen mehr als 60% der deutschen Bevölkerung diese Beratungs- und Therapieangebote, bei jungen Patientinnen mit Brustkrebs zum Beispiel steigt diese Zahl auf mehr als 80%. Umso wichtiger ist es, dass wir Ärzte, gleich welcher Facharztausrichtung, uns mit diesem Thema beschäftigen.

Für mich ist Integrative Medizin das vorurteilsfreie Zusammenwirken von Schulmedizin und komplementären Therapieverfahren.
Dies erfolgt in offener  Kommunikation interdisziplinär und gemeinsam mit dem Patienten, um ihn in jeder Phase seines Lebens bestmöglichst zu unterstützen. Es gründet auf den drei Säulen der evidenzbasierten Medizin. Diese drei Säulen sind erstens der individuelle Wunsch des Patienten, zweitens die Fachkompetenz und Erfahrung des Arztes und drittens die aktuelle Studienlage.

Im Juli 2021 wurde die neue S3 Leitlinie zum Thema Komplementärmedizin bei onkologischen Patienten publiziert. Mühevolle Monate gemeinsamer Arbeit, viele Diskussionen, ein Ringen um Effekt, Evidenz und Erfahrung liegen hinter den beteiligten KollegInnen. Für die Homöopathie konnten wir eine 2b Empfehlung bekommen, d.h. mit klassischer Hömoöpathie lässt sich die Lebensqualität unserer onkologischen PatientInnen nun auch evidenzbasiert verbessern.

Eine 1a Empfehlung erhielt ebenfalls die Misteltherapie für die Verbesserung der Lebensqualität. Für die Verbesserung der Überlebenszeit zeigte die Studienlage erste, noch nicht signifikante Hinweise. Ganz besonders empfohlen wird die Bewegungstherapie, jeder Tumorpatient sollte motiviert werden, Sport zu treiben.

Für viele Phytotherapeutika gibt es weder pro noch contra, was die Datenlage anbelangt, meist sind größere Untersuchungen vonnöten. Besonders das wegen der Wechselwirkungen am Cytochrom P450 oft kontrovers diskutierte Johanniskraut, aktiviert in vitro das Enzym Caspase und hemmt so über induzierte Apoptose das Wachstum von Leukämie- Glioblastom-, Melanom oder Gallenblasencarcinomzellen.

Für den Bereich der Mind Body Medizin werden Achtsamkeitskurse ebenso wie Yoga, Tai chi und Qi Gong empfohlen. Als ich an der Uni in Jena Kurse in Yi- Quan für die Patienten gegeben hab, konnte ich ähnlich gute Ergebnisse bei den Patienten beobachten.

Es ist wunderbar, dass wir nun diese frisch publizierte S3 Leitlinie in den Händen halten. Die Gegner einer naturheilkundlichen, homöopathischen Begleittherapie wird jedoch auch die gute Studienlage nicht davon abhalten, die erbrachten Resultate wo immer möglich, zu diffamieren.

Und wieder ergeht es uns wie einst schon Hahnemann und so können wir nur durch gute tägliche Arbeit am und für den Patienten versuchen, unsere Welt jeden Tag ein kleines Stückchen besser zu machen und das Richten über das Wohl und Wehe Größerem überlassen.

S3Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen PatientInnen
Kurzversion 1.1 September 2021 AWMFRegisternummer: 032/055OL (Download)

Das gesamte Leitlinienprogramm Onkologie  der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) , der Deutschen Krebsgesellschaft e.V. (DKG) und der Deutschen Krebshilfe finden Sie hier.