Homöopathie in Japan

Homöopathie in Japan

Von Dr. Angelika Czimmek

Zum 20. Mal fand kürzlich in Tokio der Jahreskongress der „Japanisch Kaiserlichen Homöopathie- und Medizingesellschaft“ statt. Ich hatte die Ehre, daran teilnehmen und viel über die Bedeutung der Homöopathie im Land der aufgehenden Sonne lernen zu dürfen.

Im Zentrum der Homöopathie in Japan steht eine Frau von unglaublicher Energie: Dr. Torako Yui. Sie brachte vor 25 Jahren die Homöopathie in ihre Heimat; verschaffte sich günstige Kredite für ein Haus, in dem sie praktizieren und lehren konnte; initiierte ein Gesetz, das die Homöopathie als Heilmethode staatlich anerkennt – und überzeugte schließlich sogar den Tenno, also den japanischen Kaiser, der schließlich persönlich den Auftrag zur Gründung der „Japanisch Kaiserlichen Homöopathie- und Medizingesellschaft“ gab..

Um die homöopathische Ausbildung möglichst vieler Kollegen zu ermöglichen, ließ Dr. Torako Yui einige der zentralen Lehrbücher ins Japanische übersetzen: das Organon (6. Auflage), die Arzneimittellehre Hahnemanns und seine Chronischen Krankheiten, auch Werke von Boenninghausen und eine Biographie von Hahnemann. 

Parallel erwirkte sie das Dispensierrecht, so dass nun auch die homöopathischen Mittel selbst hergestellt werden konnten, (wofür man später eine kleine Fabrik gegründet hat) und erwarb Land, um die Heilkräuter selbst anzubauen und daraus die Urtinkturen herzustellen.

Ihr Ansatz war von Beginn an „ganzheitlich“. Sie wollte die Vielfalt der Traditionen Japans, auch die spirituellen des Shintoismus und des Buddhismus, die Achtsamkeit auf eine gesunde Ernährung und seelische Ausgeglichenheit miteinander verbinden – und hat das vorbildlich geschafft.

Um organisch Gemüse, Früchte, Reis und Kräuter anzubauen, kaufte sie große Gebiete Land, das niemand haben wollte, weil es als unfruchtbar galt. Sie indes schaffte es mit Hilfe einer Kombination von effektiven Mikroorganismen, bestimmter Fermentierungsverfahren und dem Einsatz homöopathischer Mittel das Land fruchtbar zu machen und Ernteerträge zu erreichen, die niemand je für möglich hielt. Die Kongressteilnehmer konnten sich überdies von der hohen Qualität der angebauten Produkte überzeugen, denn die Verköstigung erfolgte ausschließlich mit Gemüse und Früchten dieser Flächen. Ich kann mich nicht erinnern, auf einem Kongress jemals ein so köstliches, frisches und wohltuendes Essen genossen zu haben.

Zum ersten Homöopathiekongress der Kaiserlichen Homöopathie und Medizin-Gesellschaft waren ungefähr 100 Teilnehmer gekommen. Zum Jubiläumskongress im Dezember 2019 kamen 600. Die Gesellschaft hat mittlerweile 1000 Mitglieder; zum Abschluss des Kongresses wurden 96 neue Mitglieder  aufgenommen.

Viel von ihrem Schwung verdankt die Homöopathie-Bewegung in Japan den zahlreichen jungen Leute, die sich nicht nur aus medizinischer Sicht für Homöopathie interessieren, sondern auch unternehmerisch aktiv sind. Sie gründen kleine Unternehmen, die biologisch Kosmetika herstellen, Produkte der biologischen Landwirtschaft verarbeiten, Restaurants für „stressfreies Essen“ gründen (und wo die Köche und die Bedienungen eine Grundausbildung in Homöopathie haben) – und vieles mehr.

Mit ihrem ganzheitlichen Ansatz hat Dr. Torako Yui eine regelrechte gesellschaftliche Bewegung  in Gang gesetzt, die großes Interesse weckt und stetig wachsenden Zuspruch erreicht. Ein Interesse und ein Zuspruch, der die Inspiratorin des Ganzen nur noch weiter anzutreiben scheint. Es war berührend, begeisternd und ansteckend, ihre Energie zu spüren und ihre Bescheidenheit zu erleben.

Die Ausbildung von Dr. Torako Yui ist streng, erfolgt in technisch sehr gut ausgestatteten Räumlichkeiten (von denen einer sich direkt über ihrer Praxis befindet, zwei weitere auf entfernten Inseln, in denen die Teilnehmer mittels Videokonferenz zum Unterricht zugeschaltet werden).

Neben der Ausbildung von Humanmedizinern, Veterinärmedizinern und Pfleger*innen zu professionellen, homöopathischen Therapeuten, bietet Dr. Torako Yui auch eine „kleine“ Ausbildung für Mütter und Väter an. Hier werden ein Grundverständnis der Homöopathie und Behandlungsmethoden akuter Erkrankungen vermittelt, die dann im Kreis der Familien und enger Freunde angewandt werden dürfen.

Auf dem Kongress konnte ich viele Therapeuten mit Fallvorstellungen erleben, andere Vortragende sprachen über Arzneimittelprüfungen, die viel durchgeführt werden.

Überhaupt wird viel geforscht und die Verbindung zur Pflanzenmedizin gesucht. Dank des Einsatzes von Dr. Yui scheint es kaum Mangel an Unterstützung zu geben, auch nicht seitens der Regierung.

Anhand zweier schwerer pathologischer Fälle hat Dr. Torako Yui den Kongressteilnehmern Einblick in ihre eigene Arbeit als Therapeutin und Lehrerin gegeben. Differenziert aufbereitet, eindrucksvoll vorgetragen, in einer wunderbaren Sprache, mit Empathie, Stärke und Vorbildcharakter. Nicht nur ich war tief berührt und sehr nachdenklich danach.

Gesehen und erlebt zu haben, welche Entwicklung die Homöopathie in Japan in vergleichsweise kurzer Zeit gemacht, welche gesamtgesell-schaftliche Bedeutung sie in diesen 20 Jahren erlangt hat und mit welcher Dynamik sie sich aktuell auch in der jungen Generation weiter verbreitet – das alles hat mich nicht nur sehr beeindruckt, sondern auch selbst bestärkt, mit neuer Zuversicht für die Homöopathie in Deutschland und Europa heimkehren lassen.

Dr. Angelika Czimmek,
Ärztin für Allgemeinmedizin
Homöopathie

Weitere interessante Informationen zur Homöopathie in Japan und zum Wirken von Dr. Torako Yui finden Sie unter anderem hier:

  • https://www.naturundheilen.de/artikel/wie-japan-zur-homoeopathie-fand/
  • https://www.narayana-verlag.de/spektrum-homoeopathie/torako-yui-das-wunder-der-japanischen-homoeopathie

Foto: http://ennewsjphma.blogspot.com/2019/01/the-19th-jphma-congress.html